Schriftsteller Ronny Weber


Brief an einen Freund

Du mein Freund. Ich gratuliere Dir. Du hast es geschafft. Du hast die Karriereleiter erklommen, Dir Wohlstand erarbeitet und Dein privates Glück gefunden. Und Du hast ein schmuckes Häuschen im Grünen gebaut - für die Zukunft Deiner Kinder. Ich hoffe, es geht ihnen gut. Natürlich geht es ihnen gut. Du sorgst Dich sicher rührend um sie. Und während der Ferien fahrt ihr in den Urlaub in die Sonne. Nach Tunesien oder auf die Malediven. Lange haben wir nichts voneinander gehört. Ich las vor kurzem von Deiner Wahl in den Gemeinderat. Und daß Du Dich taufen lassen hast. Vor allem jedoch, daß Du glücklich bist.

Erinnerst Du Dich noch an früher? Wir hatten uns einmal geschworen, niemals in den Strom der Angepaßtheit einzutauchen, weil man von der Strömung mitgerissen würde. Das waren übrigens DEINE Worte. Wir wollten uns unseren Stolz, unsere Würde und Selbstachtung nicht nehmen lassen. Wir wollten uns unsere Freiheit bewahren. Doch sahen wir auch die Gefahr, den Verlockungen der versklavten Gesellschaft zu erliegen. Täglich wird der freie Geist gelockt, am süßen Nektar des Wohlstandes, der Macht und Sorglosigkeit zu nippen. Dieser Nektar ist klebrig und macht süchtig. Und er macht blind. Hernach reicht man dem Geist die Hand, um ihn benebelt über einen roten Teppich zu führen. Hin zu einem goldenen Käfig, wo er in Ketten gelegt wird. Die leere Hülle unseres Ichs wird neu programmiert und manipuliert. Und zwar so, daß wir recht gute Sklaven der täglich verkündeten Dogmen sind. Ohne es zu merken. Manchmal spüren wir jedoch die Schmerzen unseres gefesselten Willens, des tief im Kerker unseres Unterbewußtseins schmachtenden Verstandes. Doch was tun wir dagegen? Wir lassen unseren Geist nicht frei. Nein. Stattdessen betäuben wir ihn wieder und wieder mit dem süßen Nektar, diesem klebrigen Zeug, das uns mehr und mehr abhängig und süchtig macht. Es könnte jedoch sein, daß der goldene Käfig irgendwann zerbrochen wird, weil die Sklaven nicht mehr von Nutzen sind. Dann kriechen wir mit unserem gebrochenen Rückgrat blind durch die Dunkelheit und schreien nach Hilfe. Doch das Licht der Erkenntnis werden wir von allein nicht finden. Unser Geist ist ein hilfloser und schwacher Krüppel. Und dann trifft man vielleicht einen alten Freund: vergessen, verspottet, verhaßt. Es ist ein Flehen: "Nimm mich mit!" Doch dieser alte Freund könnte sagen: "Weiche von mir! Ich will nicht Dein Krückstock sein! Lerne selbst, wieder aufrecht zu gehen! Lerne selbst, wieder zu sehen! Viel zu lange hast Du Dich auf die Güte Deiner Sklaventreiber verlassen! Hast das Denken verlernt!" Und er wird davongehen; in der aufrichtigen Hoffnung, daß der blinde Krüppel einen Weg aus der Dunkelheit finden möge.

Lieber Freund. Noch hoffe ich, Dich im Lichte begrüßen zu können. Ich werde nicht Dein Krückstock in der Dunkelheit sein, doch ich werde Dir die Hände reichen, wenn Du zum Ausgang kommst; in der Gewißheit, Du würdest das gleiche auch für mich tun. Leider befürchte ich jedoch, daß dies nie geschieht. Du wirst sicher ein nach Deinen Maßstäben erfülltes Leben führen, voller Genuß und Befriedigung, voller Glück und Harmonie. Und nach diesem langen, erfüllten Leben wird man Dir ein prächtiges Grabmal setzen, mit vielen Blumen und Kränzen. Bei der Beerdigungszeremonie werden unzählige Gäste anwesend sein, wie es sicher Dein Wunsch sein wird: Kinder, Familienangehörige, Geschäftsfreunde, der halbe Gemeinderat. Alle werfen sie Blumen auf Dein Grab und der Bürgermeister trägt die Laudatio vor.

Doch dann stand ich schon Jahre vorher an einem anderen Grab. Dem Grabe Deines Geistes. Es ist ein schlichtes Grab aus Asche. Und es ist ein einsamer Ort. Gelegentlich komme ich hier vorbei und lege eine einzelne Blume nieder. Mit Tränen in den Augen denke ich dann stets bei mir: Es ist ein Jammer. Er ist viel zu früh gestorben ...