Schriftsteller Ronny Weber

Luthers Tod zu Zwickau

Donnerstag, 1. Mai 1522

Auf dem Hauptmarkt zu Zwickau

Der Hauptmarkt zu Zwickau lag im Lichte der warmen Frühlingssonne. Die Jahreszeit war schon weit vorangeschritten und die Bauern in den umliegenden Dörfern hofften auf eine gute Ernte im Herbst. Heute strömten sie jedoch massenhaft durch die Tore herbei, da kein Geringerer als Dr. Martin Luther hier zu predigen gedachte. Dieser wolle Stellung nehmen zu den wiedertäuferischen Umtrieben in der Region, zu den schädlichen Einflüssen jener, welche man die "Zwickauer Propheten" nannte - und die Luther verächtlich als "Schwärmer" bezeichnete - sowie zum Verhältnis eines folgsamen Christenmenschen zu Kirche und Obrigkeit. Weiterhin galt es, seinen Freund Nikolaus Hausmann - auf Betreiben des Reformators seit einem Jahr Prediger in der Hauptkirche St. Marien - bei der Einführung der neuen Lehren zu unterstützen. Obgleich Luther bereits am Vortage zweimal in der Barfüßerkirche vor reichlich Publikum gepredigt hatte, war für die Belehrung der zu erwartenden Volksmassen der heutige Tag auserkoren. Die Menschen mochten sich auf dem Hauptmarkte versammeln, damit auch ein jeder Interessierte den Lutherschen Ansagen, deren Verkündigung aus einem zur Kanzel umgebauten Fenster des Rathauses erfolgen sollte, aufmerksam folgen könne. So galt nicht nur den gemeinen Bürgern Zwickaus, sondern auch jenen aus Schneeberg, Annaberg und der ganzen weiten Umgebung der heutige Tag als Termin bestimmt; auf dass die Menschen die Arbeit ruhen lassen und sich in aller Disziplin auf den Weg begeben mögen, den Ausführungen des Reformators zu lauschen. Als Entschädigung für all die damit einhergehenden Strapazen ward jedem Teilnehmer ein großzügig bemessenes Wurstpaket versprochen und im Anschluss an die Predigt Bier in reichlichen Mengen, um das Vernommene wohlwollend hinunterzuspülen, damit sich Geistiges mit Körperlichem einträchtig vereine. Zu diesem Behufe stellte Kurfürst Friedrich III. eine nicht unbedeutende Summe aus dem kurfürstlichen Haushalt zur Verfügung, da der Zwickauer Rat Luther zwar offiziell eingeladen hatte; mit dieser Einladung aber nur einer Weisung Friedrichs folgte. Sowohl Bürgermeister Hermann Mühlpfort als auch Nikolaus Hausmann waren persönliche Freunde Luthers und große Befürworter reformatorischer Ideen. Aber beim Gelde hört die Freundschaft auf! Dem Stadtschreiber wurde bei harter Strafe untersagt, die kurfürstliche Spende sowie deren Verwendungszweck in irgendeiner Chronik zu vermerken oder auch nur mündlich einem Uneingeweihten bekanntzutun. Am Ende entstünde der ungünstige Eindruck, die erschienenen Massen - man zählte 14.000 Seelen - wären vor allem wegen der Fresserei gekommen, und weil es genug zum Saufen gab. Um möglichen Störungen durch die Mönche des nahen Franziskanerklosters vorzubeugen, war jenen über die Dauer des lutherischen Besuches ein öffentliches Zusammenrotten oder Predigen untersagt und im Falle des Verstoßes eine Verweisung der Missetäter vor die Tore der Stadt angezeigt.
Thomas Müntzer prüfte sorgfältig den Sitz des falschen Bartes. Auch wenn seit seiner Vertreibung aus Zwickau schon ein Jahr ins Land gegangen war, könnte er jederzeit von den städtischen Wachen in Gewahrsam genommen werden. Schon vor Monaten waren seine Anhänger, darunter auch die Zwickauer Propheten, aus der Stadt verbannt worden. So ist diese Fürsten-Reformation! Verbannen, Verfolgen, Verbieten! Und Luther vorneweg! Noch vor zwei Jahren war es doch genau jener Luther, der Müntzer nach Zwickau empfohlen hatte. Zunächst an St. Marien als Vertretung für den erasmischen Zögerling und scheinreformatorischen Verweigerer Egranus (Müntzer schüttelte sich ob der Erinnerung an diesen schmierigen Herrn); und dann als regulärer Pfarrer an der zweiten Stadtkirche St. Katharinen, die sich nur wenige hundert Meter von St. Marien entfernt befand. Doch statt für den unermüdlichen Einsatz zugunsten der Reformation - unter großen Widerständen der Franziskanermönche, die schamlos Ablasshandel trieben - Dank zu erhalten, musste er sich vom Rat gewissermaßen "falschen Umgang" vorwerfen lassen, da er auch ein offenes Ohr für die Anliegen und Ideen der "Schwärmer" hatte, ohne sich diesen freilich anzuschließen. Dies gipfelte in einer empörenden Entlassung, einem unwürdigen Rauswurf, von der die Nachwelt hoffentlich Kenntnis erlangen wird. Wütend hatte er die letzte Gehaltszahlung mit "Thomas Müntzer, qui pro veritate militat in mundo" quittiert, um zu zeigen, dass er sich nicht von irgendwelchen weltlichen Laien den Mund verbieten lässt. Und wäre er nicht eiligst aus der Stadt verschwunden, hätten ihn die schon in Marsch gesetzten Häscher in Arrest genommen.
"Ist Euch nicht gut? Ihr seht so blass aus?" Eine ältere Dame betrachtete Müntzer mit sorgenvollem Blick: "Und Ihr zittert!" Müntzer schaute irritiert. "Es war ein langer Weg hierher...". "Schon gut.", sagte die Alte mild. "Nachher gibt es ja etwas zur Stärkung." Sie lächelte barmherzig und begab sich in die immer größer werdende Menschenmenge.
'Und dann Böhmen! Ausgerechnet Böhmen!' Müntzer ballte die Faust in der Tasche. Was hatte er für Hoffnungen in Böhmen gesetzt. Seine Prager Proklamation wurde vom Volke schlichtweg ignoriert. Außer natürlich von der Obrigkeit, die ihn verhaftete und im tiefsten Winter aus dem Lande jagte. Und nun - ein paar Monate später - steht er hier auf dem Zwickauer Hauptmarkt, um sich von diesem Luther - dem Liebling des Kurfürsten - etwas erzählen zu lassen. Unglaublich!
"Seid Ihr ein Mönch?", fragte plötzlich jemand barsch. Es war die Stimme eines städtischen Wachmannes, der Müntzer misstrauisch musterte. "Nein. Wieso? Wie kommt Ihr darauf?" "Ihr seht wie einer aus! Mönche sind hier nicht erwünscht!" "Ich bin kein Mönch! Ich bin...". "Na, was seid Ihr denn wohl? Lasst mich raten! Der Papst vielleicht?" Einige Umstehende begannen zu kichern. Müntzer bemühte sich redlich um Beherrschung. Sicher: Seine Kleidung war erbärmlich. Vermutlich roch er auch etwas streng. Was will man tun, wenn man monatelang ohne Anstellung umherziehen und von Almosen leben muss. Und das als Akademiker! "Ich komme aus Böhmen." Müntzer kramte zum Beweis ein paar böhmische Münzen von geringem Wert hervor. "Und ich bin auf der Durchreise." "Das will ich Euch auch geraten haben!", knurrte der Wachmann und ging seiner Wege. Vermutlich suchte er sich schon ein anderes Opfer.