Schriftsteller Ronny Weber

 

Rückblick

Reich an Geburten und Männergeschichten
sitzt über dem Stadtdunst ein Frauenzimmer
und könnte von allerlei Sünden berichten
doch schweigt sie nur einsam - wie immer
 
Vor Jahren begann sie Geranien zu züchten
statt hurend den Kerlen treu Dienst zu erweisen
und nun statt dem Leugnen von wahren Gerüchten
zu füttern die Katzen, die Spatzen, die Meisen
 
Die Söhne, die Töchter, die Mißgestalten
verschwanden, sobald sie den Ekel erkannten
Täglich halb elf kommt ein Pfleger zur Alten
niemand will so ein Stück Dreck zur Verwandten
 
Mit sieben verlor sie die Mutter, den Vater
Mit dreizehn die Unschuld durch Bruders Gewalten
Mit fünfzehn bezahlte sie erstmals der Pater
damit sie versprach, es für sich zu behalten
 
Die Pflegefamilie ließ Freier gewähren
und forderte üblicherweise Prozente
Jeder Versuch sich dagegen zu wehren
ging mit Arrest in der Scheune zu Ende
 
Sie schaut nun verbittert auf faltige Hände
und senkt vor der lachenden Sonne ihr Haupt
Vor ihrem Schoß liegen sämtliche Bände
des Tagebuchs, welches seit Jahren verstaubt
 
Sie öffnet den Deckel und blickt in ein Lachen
ein fröhliches Mädchen mit Hoffnung im Herz
Nur wenige Seiten später erwachen
erneut all die Leiden und quälender Schmerz
 
Zu schwach, um das Leben allein zu gestalten
doch dies eine mal muß es nun sein
sich selbst und den Lebensschmerz auszuhalten
zu spüren das Herz, das gefror einst zu Stein
 
So regnen die Tränen herab auf´s Papier
und bitterlaut heulen verlorene Zeiten
drängen heiß schmerzend ins Heute und Hier
Die faltigen Hände zerreißen die Seiten