Schriftsteller Ronny Weber

Die Statue

Der Held stand auf dem Sockel - in Bronze gegossen und überlebensgroß. Strahlend demonstrierte der eindrucksvolle Hüne seine Kraft und seinen Ruhm. Bei freundlichem Wetter funkelte das glänzende Metall im Scheine der Sonne, während an verregneten Tagen die Wassertropfen fast ehrfürchtig am athletischen Körper der Statue zu Boden rannen.
Das lebende Vorbild hingegen nahm sich bei Fototerminen neben seinem eigenen Standbild ein wenig klein und verloren aus, was der Anerkennung seiner Leistung aber keinen Abbruch tat. Zunächst!

In den ersten Monaten nach der Einweihung des Denkmals kam jeden Tag ein Bediensteter der Stadtreinigungsbetriebe vorbei, um den stolzen Heroen blitzblank zu polieren und auch den Unrat zu beseitigen, der sich im näheren Umkreis des Sockels befand. Keine Zigarettenkippe und kein achtlos weggeworfener Kaugummi konnte den strengen und aufmerksamen Blicken des Bediensteten entgehen.
Später ging man dazu über, die Statue nur noch zweimal pro Woche zu polieren und die Reinigung des Umfeldes in die turnusmäßigen Runden der Kehrmaschine einzu-beziehen, die lediglich einmal pro Woche an besagtem Platze eingesetzt wurde. Mit der Zeit begann das Metall zu verblassen, so daß häßliche dunkle Flecken das Denkmal schmückten. Diese wurden zwar einmal jährlich im Rahmen des allgemeines Frühjahrsputzes notdürftig beseitigt; konnten sich jedoch trotzdem mehr und mehr festsetzen, da die Zeit ein unerbittlicher Nager ist, dessen Zähne niemals stumpf zu werden scheinen - im Gegensatz zum Glanze eines Denkmals.
Ätzender Taubenkot lagerte sich auf der äußeren Schicht der Statue ab und nach dem Ableben des hier in die Erinnerung der Menschen gegossenen Vorbildes starb auch der Respekt vor dessen Leistung. Die ständig wachsende Drogenszene hatte den Platz um den Sockel ohnehin schon längst zu ihrem wichtigsten Treffpunkt erkoren und kein Stadtbediensteter wagte es mehr, sich ohne Polizeischutz auch nur in die Nähe des Denkmals zu begeben, um wenigstens den gröbsten Unrat zu beseitigen. Zudem ver-schandelten sinnlose Graffiti-Schmierereien sowie mit roter Farbe aufgebrachte politische Parolen das einstige Kunstwerk und ließen in der Bevölkerung Rufe laut werden, den Schandfleck endlich zu beseitigen.

Eines frühen Morgens, als es in Strömen regnete und noch kein Mensch auf den Straßen zu sein schien, verließ ein betrunkener Vorruheständler seine nahegelegene Wohnung, um sich eine Schachtel Zigaretten am Automaten zu besorgen. Sein Blick fiel auf den leeren Sockel des Denkmales, so daß er verwirrt nähertrat, um sich zu vergewissern, daß ihm der Alkohol keinen Streich spielte. Und da lag sie - die Statue! Mitten im Rinnstein und der Länge nach durchgebrochen. Welche Kraft war wohl notwendig gewesen, um solch einen Brocken Metall aus der Verankerung zu reißen? Dazu hätte man einen PS-starken LKW gebraucht. Mindestens. Und warum hat keiner der Anwohner etwas bemerkt, als die Statue zu Boden fiel? Der Vorruheständler schüttelte nur den Kopf und schlurfte durch den Regen zurück zum Zigarettenautomaten. Nachdem er die Schachtel seiner Lieblingsmarke in Empfang genommen hatte, drehte er sich noch einmal zum Denkmal um und meinte schulterzuckend zu sich selbst: "Nu isses weg!" .
Er war sich ziemlich sicher, daß man die Statue nicht wieder aufstellen würde. Er sollte recht behalten.